Warum hatte sich Lena nur von ihren Eltern überreden lassen mitzukommen. Sie hätte jetzt allein in ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung sitzen und sich mit zwei Flaschen Rotwein in Selbstmitleid suhlen können. Joshua hatte einen Tag vor Weihnachten mit ihr Schluss gemacht. Für Lena war eine Welt zusammengebrochen. Sie waren seit drei Jahren zusammen gewesen und dann erklärte er ihr auf einmal, dass er eine andere kennengelernt hatte und mit ihr über Weihnachten nach Hawaii fliegen würde. So viel zum Thema ewige Liebe. Jetzt sass sie wie früher auf der Rückbank des alten Opels ihrer Eltern und starrte auf die weisse Landschaft, die an ihr vorbeizog. Früher waren sie jedes Jahr an Silvester nach Davos gefahren und hatten zusammen mit Rosa und Hanspeter Meier bei Raclette und Punsch das neue Jahr begonnen. Sie hatten einen Sohn (Paul) der nur zwei Jahre älter war als sie selbst. Eigentlich war es ja immer ganz lustig gewesen. Das letzte Mal, als sie sich gesehen hatten, war sie zwölf und Paul vierzehn gewesen. Das war inzwischen fast zehn Jahre her. Er hatte damals gerade die Ausbildung als Koch angefangen und wollte allen seine neuen Fertigkeiten präsentieren. Als er sich dabei gründlich blamierte, hatte er entschieden das neue Jahr in Zukunft mit seinen Freunden zu starten. Was wohl aus Paul geworden war?
Nach weiteren dreissig Minuten unerträglicher 80er-Rock-Songs, die ihre Eltern zum Besten gaben, hatten sie es geschafft. Lena konnte die Einfahrt nach der nächsten Kurve sehen und stöhnte erleichtert aus. Fünf Minuten länger und sie wäre freiwillig aus dem fahrenden Auto gesprungen. Als sie ausstiegen, wurden sie von einer überschwänglichen rundlichen Frau begrüsst. Rosa zog Lena in eine kräftige Umarmung, bevor sie auch Anna und Thomas herzlich willkommen hiess. Auch Hanspeter schloss sich der Begrüssung an, jedoch beliess er es bei einem freundlichen Händeschlag – er war schon immer der zurückhaltendere der beiden gewesen. Lenas Vater und er hievten die Taschen aus dem Kofferraum, während sich die drei Frauen schnell ins Warme zurückzogen. Rosa überschüttete Lena dabei mit einem Schwall von Komplimenten und Fragen, die Lena geduldig beantwortete. Wenig später sassen alle vor einem gemütlichen Kaminfeuer, tranken Glühwein und tauschten Neuigkeiten aus. «Ich werde mal ein bisschen frische Luft schnappen.», räusperte sich Lena, als sich Rosa nach Joshua erkundigte. Erstaunt nickte Rosa und Anna klärte sie flüsternd auf. Aus dem Augenwinkel konnte Lena noch den mitfühlenden Blick sehen und ein «Gott, das arme Mädchen – und das vor Weihnachten.» hören.
Sie nahm den Weg zum See. Eingepackt in einen dicken Wintermantel, die Hände in die Taschen gesteckt und die Mütze tief ins Gesicht gezogen, stapfte sie los. Es war eiskalt, spiegelglatt und der Himmel schien ihre Stimmung perfekt zu mimen. Lena kam das sehr gelegen. Wenigstens war sie fast allein und hing trübselig ihren Gedanken nach. Sie hatte schon die halbe Strecke hinter sich gelassen, als sie ein besonders hartnäckiges Wegstück erreichte. Natürlich hatte sie ihre guten Winterstiefel zu Hause gelassen und wagte sich nun vorsichtig über den vereisten Boden. Einen Schritt nach dem anderen, fast hatte sie es geschafft. «Ahhh!!», rief sie und konnte den nassen Schnee schon fast in ihrem Gesicht spüren. Doch wie ein Wunder blieb der erwartete Sturz aus. Stattdessen blickte sie in zwei haselnussbraune Augen, die sie besorgt musterten. «Alles in Ordnung?», fragte eine tiefe Stimme, so sanft wie goldener Honig. Lena starrte überrascht zurück und blinzelte zweimal. Die starken Hände waren immer noch fest um ihre Arme geschlossen. Sie schluckte und suchte nach Halt auf dem rutschigen Schnee, bevor sie benommen nickte.
«Du kannst mich dann loslassen», sagte sie, nachdem sie sich eine Weile schweigend angestarrt hatten. Er sah sie forschend an und löste langsam den Griff. «Danke.», antwortete Lena. «Und fürs auffangen. Auch wenn mich die Schmerzen bestimmt gut abgelenkt hätten.», fügte sie scherzhaft hinzu. Der Fremde starrte sie immer noch an, sagte jedoch kein Wort. «Ähm – okay. Also ich gehe dann mal weiter.», erklärte Lena langsam und dachte sich innerlich Creep. «Lena?», erwachte der Typ dann doch noch aus seiner Starre. «Lena Bachmann?», lachte er fröhlich, während sie verständnislos zurückblickte. «Ich bin’s. Paul – erinnerst du dich?», ergänzte er schliesslich. Ihre Gedanken drehten sich. Das war nie im Leben Paul Meier. Der Paul, den sie kannte, hatte picklige Haut, eine Zahnspange und war viel kleiner. Der Mann, der vor ihr stand, zog jetzt seinen Schal tiefer, damit sie sein Gesicht sehen konnte. Ein umwerfendes Lachen, Drei-Tage-Bart und sonnengebräunte Haut. Seine Augen blitzten belustigt, als er die Ungläubigkeit in Lenas Gesicht bemerkte. «Ist eine ganze Weile her was?», grinste er.
«Also was machst du hier?», hakte Lena nach und umklammerte ihre heisse Schokolade. «Die schöne Aussicht geniessen?», wich er der Frage aus und zupfte sich einen Fussel von der Jacke. Lena, die diese Frage selbst um jeden Preis vermeiden wollte, wechselte schnell das Thema. «Wie läuft deine Karriere als Koch? Ich hoffe du hast inzwischen gelernt Salz und Zucker auseinander zu halten.», zog sie ihn scherzhaft aus und entlockte ihm ein Lachen. «Du hast es nicht vergessen? Was für ein Desaster – und das vor der ganzen Familie.» «Naja, es hätte schlimmer sein können. Wenigstens hatten deine Eltern noch Pizza im Tiefkühler.», grinste sie zurück. «Also – du bist immer noch Koch?» «Jap.», nickte er. «Ein Freund und ich haben vor ein paar Monaten einen kleinen Laden in der Stadt gekauft. Wir wollten bald eröffnen – du solltest unbedingt vorbeikommen, wenn du mal in der Nähe bist.» «Vielleicht mache ich das.», lächelte sie zurück. Die anfängliche Anspannung zwischen ihnen war so schnell verflogen, wie sie gekommen war. Es fühlte sich an wie früher. Es war so einfach mit ihm zu reden, dass Lena ihm nach einer Weile sogar den Grund für ihren Besuch gestand. Wie sich herausstellte war Paul aus einem ähnlichen Grund hier. Die beiden sassen noch eine Weile auf der Restaurantterrasse, bevor sie sich zusammen auf den Rückweg machten.
Dort wurden sie von zum zweiten Mal von der strahlenden Rosa begrüsst, die einen vielsagenden Blick zu Anna warf. Als es draussen dunkel wurde, deckten sie den Tisch, stellten Champagner kalt und liessen sich von Pauls Kochkünsten (dieses Mal ohne peinliche Blamage) verwöhnen. Bald hatte Lena jeden Gedanken an Joshua vergessen. Während dem Essen warf sie immer wieder verstohlene Blicke zu Paul, der diese mit einem kleinen Lächeln erwiderte, dass kleine Schmetterlinge in Lenas Bauch flattern liess. Kurz vor Mitternacht versammelten sie sich mit den anderen Nachbarn auf der Strasse. Mit den Sektlöten in der Hand zählten sie gemeinsam: «Zehn… Neun… Acht…» – Paul trat einen Schritt näher zu Lena. «Sieben… Sechs… Fünf…» – jetzt schauten sie sich in die Augen. «Vier… Drei… Zwei…» «Lass uns das Jahr mit einer schönen Erinnerung beenden.», murmelte er leise und ganz, wie es die Tradition verlangte trafen sich ihre Lippen genau in dem Moment als der Countdown endete.
Das Feuerwerk am Himmel entfachte im selben Moment wie in Lenas Herz. Pauls Hand umschloss sanft ihre Wange und als sie sich voneinander lösten, lächelte er sie an: «Happy New Year.» «Happy New Year.», flüsterte Lena glücklich zurück.
