Die geheime Lücke zwischen den Welten

Die ersten Frühlingsstrahlen wecken mich am Sonntagmorgen. Mein Mann liegt schnarchend neben mir und unser Kater Leopold blinzelt mich verschlafen an. Leise schlage ich die Bettdecke zurück und schleiche mich aus dem Zimmer – gefolgt von Leo. Schmunzelnd ziehe ich die Schlafzimmertüre hinter mir zu und laufe in die Küche. Natürlich erwartet der rot gestreifte Stubentiger erstmal sein Frühstück und während er genüsslich sein Hühnchen verputzt, streife ich mir meinen Bademantel über. Durch die Wohnzimmertür kommt man in einen grossen Garten mit saftig grünem Gras. Der Tau glitzert in der Morgensonne. Vorsichtig setze ich einen Fuss auf die kalte Wiese und zucke kurz zurück. Definitiv noch kein Sommer, denke ich und strecke meine Nase in die Sonne. Sie kitzelt angenehm warm und streichelt liebevoll mein Gesicht. Vorsichtig schaue ich mich um. Ob ich es wagen konnte? Leopold trabt gemütlich aus der Türe und setzt sich auf die noch feuchten Steinplatten. Er mustert mich, als habe ich den Verstand verloren. Lächelnd treffe ich meine Entscheidung und laufe über die Wiese in den hinteren Teil des Gartens. Dort steht eine alte Silberweide, deren Äste bis knapp über den Boden hängen. 
 
Ich habe die kleine Lücke ein paar Tage nach unserem Einzug gefunden. Trotz der Warnung meines Mannes zieht es mich immer wieder zurück hierher. Ich umrunde den dicken Stamm und sehe das Schimmern zwischen zwei Zweigen. Langsam schiebe ich sie mit den Händen auseinander und trete durch den schmalen Spalt. Sofort umfängt mich warme salzige Meeresluft und der Boden unter meinen Füssen verändert sich. Der Sand ist samtweich und fast weiss. Die Wellen schlagen in sanften Wogen in die Bucht und ich suche mir meinen Lieblingsplatz auf den Felsen. 
 
«Hat dein Mann dich nicht ermahnt, nicht mehr hierher zu kommen?», reisst mich eine tiefe raue Stimme aus meinem Dämmerschlaf. Verwirrt schaue ich mich um und entdecke neben mir einen alten Mann. Sein Haar hängt in langen grauen Strähnen herab und er trägt ein zerrissenes T-Shirt und kurze dunkle Leinenhosen. Er sieht mich nicht an. Sein Blick streift zufrieden über den Meeresspiegel. «Wer bist du?», frage ich neugierig. Sein Kopf dreht sich zu mir und ich starre ich türkisblaue Augen. «Ich bin der Wächter dieser Welt. Es ist lange her, dass ein Mensch bei uns war.» Er lächelt. «Du scheinst keine bösen Absichten zu haben, aber ich muss dich warnen – erzähle niemanden von diesem Ort. Wir haben genug Leid für tausend Leben erlitten.» Ich möchte ihn fragen, aber der Schmerz in seinen Augen lässt mich innehalten. Statt der Frage, gebe ich ihm mein Versprechen. Er nickt zufrieden und mit einem Satz springt er ins Wasser. Kurz darauf ist er verschwunden. Verwundert sehe ich ihm nach und frage mich, ob ich ihn je wiedersehen würde.