Verwirrt blickte sich das junge Mädchen um und blinzelte in der hellen Sonne. Ihr schwarzes Haar war voller Sand und ihre Arme und Beine waren mit Wunden übersäht. Langsam kehrten ihre Erinnerungen zurück. Sie wollte ihren Prinzen bei einer seiner Reisen begleiten. Mit dem unheilvollen Sturm hatte keiner gerechnet. Sie erinnerte sich vage an das Schreien der Seeleute und ihren Prinzen, der immer wieder ihren Namen gerufen hatte. Um sie herum lagen Bruchstücke des Schiffes, aber von den anderen Passagieren fehlte jede Spur. Mühsam setzte sie sich auf und strich sich eine Strähne hinter das Ohr. Jetzt, nachdem sich ihre Augen, an das grelle Sonnenlicht gewöhnt hatten, erkannte sie das Ausmass ihres Unglückes. Doch es lag nicht in ihrer Natur aufzugeben. Sie sammelte alle ihre Kraft und lief mit wackeligen Beinen auf das Meer zu. Zuerst würde sie ihre Wunden reinigen und den Sand aus ihren Haaren waschen. Bestimmt gab es hier auf der Insel jemanden der ihr helfen konnte. Wenig später, sie hatte eine Scherbe gefunden, mit der sie ihr langes Kleid gekürzt und sich aus dem Stoff eine Schleife für ihr Haar gebunden hatte, stand sie bereit, wenn auch etwas unsicher vor dem grossen Urwald. «Jetzt nur die Ruhe bewahren.», sagte sie zu sich selbst. «Deine Stiefmutter hat dreimal versucht dich umzubringen – du hast schon schlimmeres überstanden.» Sie hob ihren Kopf, streckte die Schultern und bahnte sich einen Weg durch das tiefe Dickicht.
Stundenlang irrte sie umher, bis sie endlich ein schwaches Licht in der Ferne erkennen konnte. Eilig lief sie darauf zu. Je näher sie kam, umso deutlicher konnte sie fünf Gestalten erkennen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Drei davon standen aufrecht und schienen sich angeregt zu unterhalten, während die vierte kleiner schien und die fünfte fast dreimal so gross war. Als sie näherkam, erkannte sie, dass es sich bei der kleineren Gestalt um einen Affen und bei der grossen Gestalt um einen Elefanten handelte, der gerade genüsslich an einem Bambusstamm herumkaute. Plötzlich schien der Affe sie zu bemerken und deutete aufgeregt in ihre Richtung. Die drei Menschen drehten sich um und versuchten sie im Feuerschein zu erkennen. Mutig trat Schneewittchen aus dem Unterholz und wurde sofort von einer überschwänglichen jungen Frau in die Arme gezogen.
«Meine Güte! Wie siehst du denn aus? Woher kommst du denn? Du musst am Verhungern sein. Komm uns setz dich zu uns an Feuer. Ich bin übrigens Jane. Das sind Tarzan, mein Dad, Terk und Tantor.» Schneewittchen sollte wohl überrascht sein, von dieser seltsamen Zusammenkunft. Doch ihre Zeit bei den Zwergen hatte sie etwas anderes gelehrt. Also stellte sie sich höflich vor und erzählte ihnen was passiert war. Als sie geendet hatte, legte Jane fürsorglich eine dünne Wolldecke über ihre Schultern, während Janes Vater ihr eine Schale mit einer Art warmen Brei reichte. «Keine Sorge. Ein Handelsschiff versorgt uns alle paar Monate mit neuer Ausrüstung – bestimmt nehmen sie dich mit zurück nach England.», lächelte Jane sie beruhigt an. «Und bis dahin kannst du bei uns bleiben.» Die nächsten Wochen waren für Schneewittchen so unwirklich wie ein Traum. Noch immer wusste sie nicht, was aus ihrem Prinzen und den anderen geworden war. Doch sie versuchte wie immer das Beste aus ihrer Situation zu machen. So kam es, dass der grosse Tag der Abreise viel schneller kam als erwartet. Sie stand mit ihren neuen Freunden am Strand und blickte gespannt auf das kleine Ruderboot, dass sich ihnen langsam näherte. Und dann konnte sie ihn erkennen. Ganz vorne im Boot stand ein junger, gutaussehender Mann. Es handelte sich dabei um keinen geringeren als ihren geliebten Prinzen.
