Die Mutprobe

Die anderen starrten mich erwartungsvoll an. In ihren Gesichtern konnte ich den Spott und die Verachtung erkennen. Ich wusste, dass mir keiner hier zutraute mein Vorhaben tatsächlich umzusetzen. Doch da hatten sie sich in mir getäuscht. Ich war es so leid mir immer wieder anzuhören, was ich alles nicht konnte. Die Schatten der Baumkronen tanzten auf der schäumenden Wasseroberfläche. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und ich fröstelte leicht. «Ich hab’s euch doch gesagt!», grölte Bernd hinter mir. «Die kneift mal wieder – so wie immer.» Die anderen brachen in schallendes Gelächter aus. Ich drehte den Kopf nach hinten und konnte Bernds hämisches Grinsen sehen. Und das war der letzte kleine Kick den ich brauchte. Schnaubend zog ich mein Top über den Kopf und warf es ins Gras, dicht gefolgt von meinen Shorts und dem dünnen spitzen BH. Anerkennende Pfiffe drangen in mein Ohr, als ich schliesslich noch meine Flipflops und den zum BH passenden Slip abstreifte. Mit dem Arm verdeckte ich meine prallen Brüste und ohne mich nochmal umzudrehen, setzte ich einen Fuss in das Flussbett. Sofort umfing eiskaltes Wasser meine Knöchel und eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Mein Blick glitt über die unruhige Wasserströmung. Ich musste lebensmüde sein – völlig übergeschnappt.

Ein paar Schritte weiter und ich konnte die Strömung spüren, die um meine Waden zog. Ich wusste, dass mich das schlimmste Stück noch erwartete. Es war wie im Freibad, sagte ich mir. Der Weg bis zu Hüfte ist kein Problem, bis das kühle Nass den Bauchnabel erreicht und man erschrocken zurückzuckt. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und watete immer tiefer in die eisigen Fluten. Meine Füsse fanden gerade so Halt zwischen zwei grossen Felsen. Wären sie nicht dort gewesen, hätte mich die Strömung vermutlich sofort mitgerissen. Und Gott weiss, dass ich alles andere als eine gute Schwimmerin war. Vermutlich würde ich innerhalb weniger Minuten untergehen. Und in dem Moment wurde mir klar, wie bescheuert diese kleine Mutprobe war. Wem wollte ich hier etwas vormachen? Wem etwas beweisen? Was nützte das alles hier, wenn man mich morgen als durchtränkte Leiche aus dem Fluss fischen musste – falls man mich den überhaupt in den Tiefen finden würde. Ich zögerte und wollte mich gerade umdrehen, als mich eine Strömung aus dem Gleichgewicht brachte. 

Ich ruderte mit den Armen und konnte noch die überraschten Rufe der anderen vom Ufer hören. Doch es war zu spät. Ich konnte das Licht schon bildlich vor meinem Auge sehen. Aber kampflos würde ich nicht aufgeben, denn im nächsten Moment schoss das Adrenalin durch meine Adern und weckte meinen Überlebensinstinkt. Inzwischen war ich in die Flussmitte getrieben und die letzten Sonnenstrahlen tauchten die Welt in ein unheimliches Zwielicht. Ich versuchte mich zu konzentrieren, hielt meinen Körper mit grösster Mühe über Wasser, während ich versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Ein Bild tauchte vor mir auf, eine kleine Bucht, die nach der Biegung kommen musste. Es war meine einzige Chance – wenn ich es schaffte solange durchzuhalten und mit etwas Glück, trieb mich die Strömung genau dorthin. Ich musste nur durchhalten, dachte ich mit letzter Kraft.

Benommen blinzelte ich. Das Licht war viel zu grell. Ich wollte mich aufsetzen, zuckte aber sofort wieder zusammen, als ein stechender Schmerz durch meinen rechten Arm schoss. Ich stöhnte auf und meine Kehle fühlte sich seltsam rau an. Das Licht blendete immer noch und ich musste die Augen zusammenkneifen, damit ich wenigstens ein paar verschwommene Schemen wahrnehmen konnte. Im nächsten Moment strömten die Erinnerungen auf mich ein wie eine Sintflut. Das Gelächter der anderen, die reissende Strömung und dann eine tiefe düstere Leere, kurz bevor die Bucht in Sichtweite kam. War dies nun das Ende? War es wirklich schon vorbei? Aber wieso dann der stechende Schmerz – sollte ich nicht friedvoll und ausgelassen auf einer Wiese tanzen? Aber vielleicht war das Leben nach dem Tod nun mal nicht so, sondern wir erlebten einfach immer und immer wieder unsere Schmerzen, bevor es zu Ende ging. Oder wir erholten uns – wie im Leben auch. Wer wusste schon, was nach dem Leben auf uns wartete. Und ich wusste, dass mich diese Gedanken beunruhigen sollte, das Gefühl tot zu sein und… 

«Du bist nicht tot.», erklärte eine sanfte Frauenstimme plötzlich neben mir. Ich drehte den Kopf zu der Stimme, konnte aber immer noch nichts sehen. «Hör auf nach einem Grund oder einer Logik zu suchen. Sieh mit dem Herzen.», ermutigte die Stimme mich, was mich dazu brachte die Augen zu verdrehen. Die hatte gut reden. Schliesslich war sie nicht gerade splitterfasernackt ertrunken. Was mir vor Augen führte, dass ich immer noch keine Kleider trug. Ich lag in einem grossen Bett mit seidiger Bettwäsche, die sich sanft um meinen Körper schmiegte. Die Decke umfing mich wie eine zarte Feder. «Wo bin ich?», krächzte ich heiser. «In der Zwischenwelt.», antwortete die Frau, als wäre es das Normalste auf der Welt. «In der Zwischenwelt.», gab ich skeptisch zurück. «Und was soll das heissen?» «Du hast die Wahl. Entscheide selbst wie deine Zukunft aussieht. Wähle deinen Weg, wenn du so weit bist. Ich werde dich jetzt verlassen. Ich hoffe wir sehen uns bald wieder.» Und bevor ich noch etwas erwidern konnte, war sie verschwunden und ich blieb alleine in dem riesigen weissen Raum zurück. 

Ich blinzelte erstaunt, als die Umrisse um mich herum immer deutlicher wurden. Der Raum schien eine endlose Decke zu haben, die sich in einem strahlenden weiss verlor. Auch die Wände und das Bett schimmerten weiss. Aber es war kein steriles weiss wie in einem Krankenhaus. Es war ein sanftes schwach leuchtendes weiss, wie die Flügel von Engeln oder das Schimmern eines Einhorns. Je weiter ich mich umsah, umso mehr Details fielen mir ins Auge. An den Wänden begannen Türen zu flimmern. Türen in den unterschiedlichsten Formen und Farben. Um eine alte schwere Holztüre rankten leuchtend rote Rosen. Eine andere Türe schien vollständig aus Muscheln zu bestehen und eine dritte Türe leuchtete in einem satten Grün, dass schimmerte wie eine Baumkrone, die im Wind tanzte. Und so wurden es immer mehr Türen. Eine nach der anderen tauchte vor meinen Augen auf. Sie schimmerten, glitzerten und leuchteten in allen Farben. Ich hätte stundenlang hier sitzen können, um sie zu bewundern.

Tief in meinem Herzen, spürte ich, dass es Zeit war zu gehen und eine Entscheidung zu treffen. Ich stand auf und meine Füsse fanden den Weg über das weiche silberne Gras, das den Boden bedeckte. Ich wandte mich nochmal um und warf einen neugierigen Blick auf die hinter mir liegende Türe, doch ich wusste, dass dies noch nicht der richtige Zeitpunkt war sie zu wählen. Also drehte ich mich wieder um und wählte diese eine Tür, die mich magisch anzog. Mit leicht zitternden Knien ging ich auf sie zu, streckte meine Hand nach dem verschlungenen Griff aus und in dem Moment als meine Finger ihn umschlossen, umfing mich eine eindringende Ruhe. Ich wusste, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.