Es war ein kühler Sommermorgen, als sich Kevin auf den Weg zur Arbeit machte. Mürrisch griff er nach seinem Schlüssel und trat vor die Haustüre. Die Vögel zwitscherten fröhlich ihr Lied und die Menschen auf den Gehwegen unterhielten sich kichernd. Kevin stöhne genervt auf. Seit Louise ihn verlassen hatte, war jeder Tag eine Qual für ihn. Am liebsten hätte er sich in seiner kleinen Wohnung verkrochen und den ganzen Tag Videospiele gezockt. Aber seine Arbeit liess das zum Glück nicht zu. Er hatte eigentlich nur einen Fussweg von zehn Minuten dorthin. Doch weil er es nicht ertragen konnte an dem kleinen Café vorbeizugehen, in dem Louise arbeitete, ging er jeden Tag einen Umweg, für den er fast doppelt so lange brauchte. Der Weg führte ihn durch eine grosse private Parkanlage, die fast keiner kannte. «Wenigstens waren hier nicht so viele Menschen», dachte er sich und grummelte ein «Hallo», als ihm ein älterer Herr in einem braunen Tweed-Anzug entgegenkam. Mit einem Lächeln tippte dieser zum Gruss an seine Schiebermütze und blickte ihm schmunzelnd nach. Im Büro angekommen stürzte sich Kevin in die Arbeit. Ehe er sich versah war es Abend. Erschöpft und ohne Abschiedsgruss an seine Kollegen machte er sich auf den Heimweg. Auf dem Rückweg begegnete er wieder dem alten Mann, der ihn abermals mit einem Lächeln grüsste. Kopfschüttelnd über so viel gute Laune lief er nach Hause und verbrachte die halbe Nacht vor seinem Computer, bevor er sich schliesslich schlafen legte.
Der nächste Morgen war regnerisch und nass. Als er sich auf den Weg machte, musste er mehreren grossen Pfützen ausweichen, die sich auf den Strassen gebildet hatten. Selbst die Autos fuhren ungewohnt langsam, um nicht ins Schlingern zu geraten. Er wollte das Tor zum Park öffnen – ohne Erfolg. Genervt blickte er sich um und sah wieder den alten Mann vom Vortag. Er rief ihm zu und dieser schlenderte gemütlich auf ihn zu. «Guten Tag, junger Mann. Kann ich Ihnen helfen?», fragte er freundlich. «Wieso ist das Tor verschlossen? Ich muss zur Arbeit.», patzte Kevin ihn an. «Das tut mir leid.», entschuldigte sich der Mann. «Der Park ist heute geschlossen. Der See ist wegen des vielen Regens übergelaufen und die Wege sind nicht begehbar. Warum nehmen Sie nicht den kürzeren Weg durch die Stadt?», schlug er vor und verabschiedete sich mit einem Tippen an seine Schiebermütze.
Unzufrieden machte Kevin also kehrt und schlug, wenig motiviert, den Weg durch die kleine Stadt ein. Es hatte wieder angefangen zu regnen und natürlich hatte er seinen Schirm zu Hause liegen lassen. Während er trübselig durch die Strassen lief, hatte er keinen Blick für die vielen Schaufenster übrig, die mit Kleidern, feinstem Gebäck und kleinen Geschenken dekoriert waren. Starr richtete er seinen Blick nach unten, die Hände fest in seine Jackentasche vergraben. So bemerkte er Eva nicht, die hastig den Gehweg entlang stürmte und dabei gerade ein altes Ehepärchen anrempelte. Sie drehte sich um und rief ihnen eine stürmische Entschuldigung entgegen. Die Frau schüttelte nur lächelnd den Kopf, während ihr Mann sich gemächlich die Schiebermütze zurechtrückte. In ihrem Eifer bemerkte Eva Kevin nicht, der jetzt genau vor ihr auftauchte. Und schon war es zu spät. Sie stiessen zusammen. Evas Zeichnungen und Skizzen verteilten sich auf dem nassen Boden. Eva wollte sich entschuldigen und fluchte über ihre Ungeschicktheit, als sich die beiden bückten, um die nassen Blätter aufzuheben. Im nächsten Moment trafen sich ihre Blicke und sie verstummte, als sie in das schöne Gesicht des jungen Mannes sah, der sie fasziniert betrachtete. Der alte Mann, der das Schauspiel beobachtet hatte, nickte zufrieden und lief mit seiner Frau gemütlich weiter.
